Gottesdienst zur Einweihung des neu renovierten Gemeindehauses
"Haus der Kirche" in der Stadtkirche Sinsheim am 14.6.2009
Predigt von Frau Prälatin Ruth Horstmann-Speer
Liebe Gemeinde,
„Ihr seid wirklich steinreich!“ Das war die einhellige Meinung einer Delegation unserer Kirchenleitung bei einem Besuch in unserer Partnerkirche Berlin-Brandenburg Anfang der Woche. Unsere Gastgeber hatten uns zu einer Exkursion ins brandenburgische Umfeld von Berlin eingeladen, um uns einige ihrer Schätze zu zeigen. Steinreich ist diese Kirche, denn über 2000 Kirchengebäude kann sie ihr eigen nennen im Vergleich dazu: Wir in Baden haben etwa 700 Kirchengebäude. Viele der brandenburgischen Dorfkirchen sind mehrere Jahrhunderte alt wirkliche Schätze!
Aber: steinreich zu sein ist durchaus zwiespältig vor allem wenn man nicht reich ist an finanziellen Mitteln, die für die Instandsetzung und Unterhaltung der Gebäude benötigt werden. Reich zu sein an steinernen Häusern ist auch deshalb schwierig, weil und wenn es an lebendigen Steinen mangelt. Wie soll beispielsweise eine Gemeinde, die aus 13 Gemeindegliedern besteht, eine 500 Jahre alte, wunderschöne, aber vom Verfall bedroht Kirche unterhalten?
Das sind in der Tat Probleme, die wir als Partnerkirche durchaus mit bedenken wollen und die uns in unserer Freude und Dankbarkeit für unsere Situation begleiten. Wir sind steinreich reich an steinernen Gebäuden, wir haben jedenfalls verglichen mit unserer Partnerkirche genügend finanzielle Mittel zur Unterhaltung und sind reich an lebendigen Steinen. Das feiern wir heute und danken Gott dafür, denn wir wissen nur zu gut, dass das alles nicht selbstverständlich ist.
Wir dürfen heute das Haus der Kirche in Besitz nehmen auch wenn es noch nicht ganz fertig gestellt ist. Aber bei welcher Einweihung ist schon alles perfekt!
Das ist heute für alle, die in irgendeiner Weise beteiligt waren oder sind, ein Tag großer Freude und Dankbarkeit. Wir sind dankbar, dass sich das Projekt Haus der Kirche hat realisieren lassen. Dankbar, dass die Bauarbeiten ohne Unfall verlaufen sind. Dankbar, dass die Kirchengemeinde Sinsheim nun ein neues, ansprechendes „steinernes“ Gesicht bekommt.
Das Haus der Kirche ist mehr als ein Gemeindehaus.
Es ist ein lebendiger geistlicher Ort in dieser Stadt, in diesem Kirchenbezirk. Die Lukas- und die Markusgemeinde finden hier erneut ihr Zuhause. Das Kinderhaus ist auf eine wunderschöne Weise erweitert und bietet den kleinsten und den größeren Kindern Platz zur Entfaltung drinnen und draußen. Jungscharen und Jugendgruppen werden wenn das Kellergeschoss fertig gestellt sein wird sich ausbreiten können. Die Bezirksjugendarbeit hat ihren Platz im neuen Haus, das Schuldekanat und die Medienstelle.
Freundlich, hell und einladend ist es geworden das Haus der Kirche, das Martin-Luther-Gemeindehaus in Sinsheim.
Nun gilt es, das Haus erneut und neu mit Leben zu erfüllen, damit es in dieser Stadt erkennbar wird als ein lebendiger geistlicher Ort.
Das ist die Aufgabe aller, die in diesem Haus beheimatet sind und die sich hier begegnen. Bei dieser Aufgabe können uns die biblischen Leitbilder helfen, die uns in unserer Landeskirche in den vergangenen Jahren wichtig geworden sind.
Das sind die Bilder vom wandernden Gottesvolk, vom Salz der Erde, vom Leib und den verschiedenen Gliedern wir haben von diesem Bild vorhin in der Lesung aus dem Römerbrief gehört.
Da es heute um ein Gebäude geht, möchte ich uns an das Bild aus dem 1. Petrusbrief erinnern. Dort wird die Gemeinde bezeichnet als ein Haus der lebendigen Steine:
Kommt zu Jesus Christus als dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause… Darum steht in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht verloren gehen.
Zunächst einmal ist klar: Wer ein Haus bauen will, braucht Steine: tragfähige für das Fundament, bruchfeste Steine für Türstürze und Fensterrahmen, Ziegel für ein regendichtes Dach. Ohne Steine wird es kein solides Haus. Aber nur hinter soliden Mauern fühlen wir uns wohl und geborgen.
Nun spricht der 1.Petrusbrief aber von lebendigen Steinen. Das ist ein spannungsvolles, ja ein widersprüchliches Bild und erscheint auf den ersten Blick befremdlich. Lebendige Steine? Das sprengt alle gewohnten Vorstellungen. Steine sind eher kalt, hart und tot. Unter allem, was uns in der Natur begegnet, ist der Stein am schwersten zu verändern. Es ist nicht leicht, sich Steine nutzbar zu machen. Wie viel Anstrengung und Kraft sind nötig, um Steinen eine bestimmte Form zu geben.
Aber: Es gibt neben kalten Steinen auch warme Steine, die von ihrer Wärme abgeben. Es gibt Steine, die klingen. Und wir kennen sogar Steine, aus denen Pflanzen wachsen. Es gibt Steine mit ganz unterschiedlicher Struktur, Steine, die in verschiedenen Schichten gewachsen sind, Steine, denen man ihr Alter und ihre Geschichte ansieht, Steine, die glänzen, kostbare Steine, Edelsteine.
Der Verfasser des 1. Petrusbriefes überträgt das Bild von den lebendigen Steinen auf die Christen, auf die Gemeinde. Jeder, jede von uns ist solch ein lebendiger Stein, mit unterschiedlichen Eigenschaften. Verschiedene Fähigkeiten und Begabungen bringen wir als Gemeindeglieder in das gemeinsame Bauwerk ein. Jeder und jede nimmt seinen, ihren eigenen Platz damit ein. Wie beim Bau eines Hauses hat jeder Stein seine eigene und ganz besondere Bedeutung. Niemand ist entbehrlich.
Und wie in einem Mauerwerk die Steine aufeinander angewiesen sind, so ist es auch in der Gemeinde. Steine tragen und stützen sich gegenseitig, denn jede Mauer ist stärker als ihr schwächster Stein.
So ist es, so kann es sein in einer christlichen Gemeinde. Da stützen wir einander und helfen uns gegenseitig weiter. Da tragen wir die Lasten der anderen mit. Da nehmen wir Rücksicht auf die Schwachen und Kleinen. Alle sollen ihren Platz in dem gemeinsamen Bauwerk finden. Und jeder und jede trägt mit den eigenen Fähigkeiten und Gaben zum gemeinsamen Leben etwas Unverwechselbares und Einmaliges bei.
Ob solch ein Bauwerk aus lebendigen Steinen halten kann und stabil ist? Das ist sicherlich eine berechtigte Frage. Aber sie lässt sich klar und eindeutig beantworten: Ja, es hält und ist stabil denn es wird zusammengehalten von dem lebendigen Stein Jesus Christus. Er ist der Eckstein so heißt es im 1. Petrusbrief. Er ist der auserwählte Stein, auf dem das ganze Haus ruht. Er ist der tragende Grund, das Fundament so heißt es an anderer Stelle: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“
Jesus Christus, er allein. Dieses Fundament darf die Kirche niemals antasten und vergessen, wenn sie wirklich Kirche Jesu Christi bleiben will.
Liebe Gemeinde, wir wollen nicht verschweigen, dass es in unserer Kirche Zeiten und Situationen gab, in denen dies in Vergessenheit geraten ist. Sie haben sich am Pfingstmontag bei dem Bezirksgottesdienst mit unserem Landesbischof an die Barmer Theologische Erklärung erinnert, die vor 75 Jahren von der Bekenntnissynode verabschiedet wurde. Die Vertreter der Bekennenden Kirche wandten sich mit dieser Erklärung gegen die Deutschen Christen, die vom Nationalsozialismus geprägt waren.
Die Erklärung erinnert daran, dass Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, „das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“. Damit ist deutlich, dass es außer dem Fundament Jesus Christus keiner weiteren tragfähigen Steine bedarf. Auf ihm allein, dem auserwählten Stein, ruht das Gebäude aus den lebendigen Steinen.
Das neue Haus der Kirche will und soll nun dem Haus der lebendigen Steine in Sinsheim eine Heimat bieten und einen Ort, an dem wir gemeinsam bedenken, was unsere Aufgaben sind als christliche Gemeinde. Die neuen Räume dienen uns zum Aufbau des geistlichen Hauses. Sie sollen uns helfen, Gott gemeinsam zu loben, das geschenkte Leben zu feiern und dem Nächsten zu dienen.
Und wie das Haus der Kirche mit den alten und neuen Steinen nach außen hin deutlich sichtbar ist, so wollen und sollen auch die lebendigen Steine dieser Gemeinde sichtbar und erkennbar sein und sich nicht in den Mauern des neuen Hauses verkriechen.
Unser christlicher Glaube verträgt sich nicht mit einem Rückzug ins Privatleben. Wir haben als Kirche und als christliche Gemeinden ein Wächteramt, und es gehört zu unserem Auftrag, darauf zu achten und dafür zu sorgen, dass Menschen heute im Sinne Jesu leben können. Deshalb nennen wir Unrecht laut und deutlich beim Namen. Deshalb stellen wir uns auf die Seite derer, die leidend und elend, schwach und hilfsbedürftig sind. Deshalb treten wir vehement für den Schutz des Lebens ein von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Wo immer die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, da erheben wir unsere Stimme.
Und, liebe Schwestern und Brüder, das alles sollten wir heute soweit wie irgend möglich in ökumenischer Gemeinsamkeit tun, um als Stimme der Kirche deutlich vernehmbar zu sein. Die enge Nachbarschaft der evangelischen und der katholischen Gemeindehäuser hier in Sinsheim bietet die besten Voraussetzungen dafür! Gemeinsam bezeugen wir unseren Glauben an Jesus Christus, dem Fundament aller christlichen Kirchen, und geben weiter, was zum Leben hilft und was uns Orientierung gibt.
Damit wir unserem Auftrag gerecht werden können und immer wieder für unsere Aufgaben gestärkt werden, brauchen wir neben unseren Kirchen - Orte wie das neue Haus der Kirche. Das Haus der lebendigen Steine braucht steinerne, feste Räume, in denen sich die lebendigen Steine versammeln und einander begegnen können, in denen weiter gebaut werden kann an dem geistlichen Haus.
Liebe Gemeinde, von ganzem Herzen danken wir Gott für dieses neue Haus und für die vielfältigen Möglichkeiten, die es uns schenkt zum guten und heilsamen Miteinander. Um seinen Segen bitten wir für alle, die im Haus der Kirche ein und aus gehen, die weiterbauen am geistlichen Haus auch dann, wenn alle Bauarbeiten am und im Haus der Kirche abgeschlossen sein werden. Möge dieses Haus ausstrahlen in die ganze Stadt und mögen viele sagen können: Die Sinsheimer Gemeinden sind wirklich steinreich reich an lebendigen Steinen!
Amen.